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Entnahmeplan: Wie viel du dir aus dem Depot auszahlen kannst

400.000 € im Depot, Rente mit 67: Sind 4 % Entnahme im Jahr zu viel? Ich habe 70 Jahre Renditedaten aus 13 Ländern Europas nachgerechnet, mit Steuern.

400.000 € und eine einzige Frage

Du bist 67, im Depot liegen 400.000 €, jahrzehntelang zusammengespart. Ab jetzt soll das Depot dir etwas zurückzahlen. Wie viel darfst du jeden Monat herausnehmen, ohne dass das Geld aufgebraucht ist, solange du es noch brauchst?

Die bekannteste Antwort lautet: 4 % im ersten Jahr, danach jedes Jahr um die Inflation erhöhen. Das wären 16.000 € im Jahr, 1.333 € im Monat, vor Steuern. Diese Zahl stammt aus den USA, aus US-Aktien und US-Anleihen, und sie hat dort einen historischen Test bestanden, den andere Länder nicht immer bestanden haben.

Ich habe nachgerechnet, ob sie für jemanden trägt, der in Europa mit weltweit gestreuten Aktien und Staatsanleihen in den Ruhestand geht. Das Ergebnis vorab:

Mit 60 % weltweiten Aktien und 40 % Bundesanleihen hat 4 % für deutsche Anleger seit 1950 vor Steuern in jedem 30-Jahres-Zeitraum gereicht, im schlechtesten Fall aber nur knapp. Für Anleger in den anderen europäischen Ländern meiner Rechnung war mit derselben Aufteilung in rund jedem fünften Fall das Geld vorher weg. Ich würde mit 3,5 % planen.

4 %

Entnahmerate nach Bengen (1994), aus US-Daten

19,4 %

der Zeiträume in 13 europäischen Ländern, in denen 4 % keine 30 Jahre reichten

7,9 %

Fehlschläge bei 3,5 % Entnahme, gleiche Rechnung

Was ein Entnahmeplan ist

Ein Entnahmeplan ist das Gegenstück zum Sparplan: Statt jeden Monat Geld einzuzahlen, verkaufst du regelmäßig ETF-Anteile und lässt dir den Erlös auszahlen. Der Rest bleibt investiert und arbeitet weiter.

Die Regel, um die es hier geht, funktioniert so: Du legst im ersten Jahr einen Prozentsatz deines Startvermögens fest. Danach entnimmst du jedes Jahr denselben Betrag, angepasst an die Inflation, egal, wie die Börse gerade steht. Die Entnahmerate bezieht sich also nie auf den aktuellen Depotstand, sondern immer auf den Wert am ersten Tag des Ruhestands. Das gibt dir ein planbares Einkommen mit gleichbleibender Kaufkraft. Der Preis dafür: Nach einem Crash verkaufst du zu tiefen Kursen genauso viel wie vorher, und genau daran scheitern Entnahmepläne.

Die Frage lautet also: Welcher Startprozentsatz überlebt auch die schlechten Jahrzehnte?

Woher die 4 % kommen

Die Zahl geht auf den US-Finanzplaner William Bengen zurück. Er hat 1994 im Journal of Financial Planning durchgespielt, wie lange ein Depot aus 50 % US-Aktien und 50 % mittelfristigen US-Staatsanleihen bei verschiedenen Entnahmeraten gereicht hätte, für jedes Startjahr ab 1926. Sein Befund: Mit 4 % im ersten Jahr und danach inflationsangepassten Entnahmen war das Geld in keinem einzigen Fall vor 33 Jahren aufgebraucht. Als Aktienanteil empfahl er 50 bis 75 %.

Vier Jahre später kam die sogenannte Trinity-Studie (Cooley, Hubbard und Walz, 1998) mit US-Daten von 1926 bis 1995 zu einem ähnlichen Ergebnis. Bei inflationsangepassten 4 % über 30 Jahre hielt das Depot:

AufteilungErfolgsquote bei 4 %
100 % Aktien95 %
75 % Aktien, 25 % Anleihen98 %
50 % Aktien, 50 % Anleihen95 %
25 % Aktien, 75 % Anleihen71 %

Seitdem steht die „4-%-Regel“ in amerikanischen Ratgebern. Der Ökonom James Choi hat 2022 die 50 populärsten Finanzratgeber-Bücher ausgewertet: Von den zwölf, die überhaupt eine Entnahmerate nennen, empfehlen sieben genau 4 %, vier sogar mehr.

Eine Sache wird dabei gern vergessen: Beide Studien rechnen ohne Steuern und ohne Fondskosten, und beide verwenden ausschließlich US-Märkte. Und die USA gehörten im 20. Jahrhundert zu den erfolgreichsten Börsen der Welt.

Was passiert, wenn man andere Länder nimmt

Der US-Ökonom Wade Pfau hat Bengens Methode 2010 auf 17 Länder angewandt, mit Daten von 1900 bis 2008. Jedes Land mit seinen eigenen Aktien, Anleihen und seiner eigenen Inflation. Selbst mit der jeweils im Nachhinein besten Aufteilung zwischen Aktien, Anleihen und Geldmarkt hätten nur vier Länder 4 % über 30 Jahre in jedem Startjahr durchgehalten: Kanada, Schweden, Dänemark und die USA. Für Deutschland lag die sichere Rate bei 1,14 %, das schlechteste Startjahr war 1914. Bei festen 50 % Aktien und 50 % Anleihen schaffte in seinen Daten kein einziges Land die 4 %.

Eine Forschergruppe um Aizhan Anarkulova und Scott Cederburg ging noch weiter. Ihre Studie (Journal of Pension Economics and Finance, 2025) nutzt Renditedaten aus 38 Industrieländern ab 1890. Sie rechnet nicht mit festen 30 Jahren, sondern mit einem Ehepaar, das mit 65 in Rente geht und dessen Lebensdauer zufällig aus US-Sterbetafeln gezogen wird; das Geld muss reichen, bis auch der Längerlebende gestorben ist. Ergebnis: Wer ein Risiko von 5 % akzeptiert, dass das Geld vorher aufgebraucht ist, kann nur 2,31 % im Jahr entnehmen.

Pfaus deutsches Worst-Case-Szenario ist ein Anleger, der 1914 nur in Deutschland investiert war und dann den Ersten Weltkrieg, die Hyperinflation, die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Wer heute einen Welt-ETF kauft, streut sein Geld über mehr als 1.000 Unternehmen in über 20 Ländern. Ob das hilft, beantworten beide Studien nicht direkt. Pfau rechnet nur mit heimischen Anlagen, Anarkulova und Kollegen im Basisfall ihres Arbeitspapiers mit 60 % Aktien des eigenen Landes. Ihre einzige Variante mit Auslandsaktien ist ein Zielfonds, der gleichzeitig die Aktienquote über den Ruhestand stark abbaut; der schnitt in ihrem Arbeitspapier schlechter ab, sagt aber wenig über die Streuung allein.

Meine Nachrechnung: weltweite Aktien, Anleger in Europa

Deshalb habe ich die Rechnung selbst gemacht, so nah an einem heutigen Depot wie möglich. Die Daten stammen aus der Jordà-Schularick-Taylor Macrohistory Database, einer frei zugänglichen Sammlung historischer Renditen für 18 Industrieländer.

Mein Musterdepot besteht zu 60 % aus Aktien aller 16 Länder mit Aktiendaten und zu 40 % aus Staatsanleihen des Heimatlandes des Anlegers. Die Aktien sind nach Wirtschaftsleistung gewichtet, nicht wie beim MSCI World nach Börsenwert: Die USA machen darin je nach Jahr 33 bis 69 % aus, Kanada, Irland und einige kleinere Märkte fehlen. Alles wird in die Heimatwährung umgerechnet und mit deren Inflation bereinigt, jährlich neu ausbalanciert, und pro Jahr ziehe ich 0,2 % Kosten ab. Getestet habe ich jedes Startjahr von 1950 bis 1991, weil die Daten bis 2020 reichen, und das für 13 europäische Länder. Vor 1950 habe ich bewusst nicht gerechnet: Mit Kriegswirtschaft, Kapitalverkehrskontrollen und der Währungsreform von 1948 konnte sich kein deutscher Anleger ein weltweit gestreutes Depot kaufen.

Deutschland: 4 % hat in allen 42 Startjahren 30 Jahre gehalten. Die höchste Rate, die in jedem Startjahr gereicht hätte, lag bei 4,27 %. Die niedrigste sichere Rate hatte das Startjahr 1969, und da wurde es eng: Mit 4 % sank das Depot auf 29 % seiner ursprünglichen Kaufkraft und endete nach 30 Jahren bei 30 %. Mit 3,5 % blieben in diesem Fall 84 % übrig.

Alle 13 Länder zusammen: Mit dem Aktienteil unverändert, aber mit den Anleihen und der Inflation Frankreichs, Italiens, Spaniens, der Niederlande, der Schweiz oder Norwegens scheitern die 4 % regelmäßig. Nur Großbritannien kam wie Deutschland ohne Fehlschlag durch.

Wie oft das Depot keine 30 Jahre hieltAnteil der Startjahre 1950–1991, in denen das Geld vor Ablauf von 30 Jahren aufgebraucht war. 13 europäische Länder zusammen.
3,0 % Entnahme4,0 %
3,5 % Entnahme7,9 %
4,0 % Entnahme19,4 %
4,5 % Entnahme31,3 %

Eigene Berechnung mit JST Macrohistory Database R6: 60 % Aktien aus 16 Ländern (nach Wirtschaftsleistung gewichtet), 40 % heimische Staatsanleihen, 0,2 % Kosten p. a., real, ohne Steuern. 546 sich überlappende Zeiträume aus 13 Ländern.

Drei Beispiele aus den Daten, alle mit 4 % und derselben Aufteilung:

WerStartjahrGeld reichte
Anleger in Frankreich197026 Jahre
Anleger in Italien197326 Jahre
Anleger in den Niederlanden196220 Jahre

Mit 3,5 % hätten der Franzose und der Italiener die 30 Jahre geschafft, mit der Hälfte beziehungsweise einem Drittel des Startvermögens übrig. Der Niederländer nicht: Auch mit 3,5 % war sein Geld nach 24 Jahren weg, erst 3 % trugen ihn durch.

Wie lange du planen musst, verändert die Rechnung stark. Wer mit 60 aufhört und bis 100 vorsorgen will, braucht 40 Jahre. Über 40 Jahre scheiterten in denselben 13 Ländern 4 % in 38,2 % der Fälle, 3,5 % in 21,4 % und 3 % in 7,9 %.

Lies diese Quoten nicht als Wahrscheinlichkeiten. Die Zeiträume überlappen sich stark: Wer 1969 und wer 1970 in Rente ging, erlebte fast dieselben Jahrzehnte. Und die Fehlschläge ballen sich. Alle Zeiträume, in denen 4 % scheiterten, begannen zwischen 1956 und 1974 und liefen in die Inflation der 1970er-Jahre hinein. Bei 3,5 % stammen 31 der 43 Fehlschläge aus Spanien und Portugal, wo vor allem die heimischen Anleihen real Geld vernichtet haben.

Zwei weitere Grenzen solltest du kennen. Erstens war die Zeit nach 1950 für Aktien eine gute Phase; ziehe ich den Aktienrenditen pauschal einen Prozentpunkt pro Jahr ab, steigt die Fehlerquote bei 4 % über 30 Jahre von 19,4 % auf 27,3 %. Zweitens ist das deutsche Ergebnis ein Ergebnis der D-Mark: niedrige Inflation, solide Bundesanleihen. Dein Ruhestand läuft in Euro, und ob die Eurozone die nächsten 30 Jahre wie die Bundesbank-Jahre verläuft oder eher wie Frankreich in den 1970ern, weiß niemand. Dazu kommt eine Unschärfe der Daten: Die Renditen laufen von Dezember bis Dezember, die Inflation ist oft ein Jahresdurchschnitt. Verschiebe ich Inflation und Wechselkurse näherungsweise auf das Jahresende, steigt die Fehlerquote bei 4 % für die Startjahre bis 1990 von 19,9 % auf 21,8 %; das Bild bleibt dasselbe.

Der Blick nach vorn

Historische Tests zeigen, was gewesen ist. Die US-Fondsanalysten von Morningstar gehen jedes Jahr den umgekehrten Weg: Sie nehmen ihre Renditeprognosen für die kommenden Jahrzehnte und rechnen daraus eine sichere Startrate. In ihrem Bericht The State of Retirement Income: 2025 kommen sie auf 3,9 % für 30 Jahre, mit 90 % Erfolgswahrscheinlichkeit und 30 bis 50 % Aktienanteil. Für 40 Jahre sind es nur 3,3 %. In den Jahren davor lag der Wert zwischen 3,3 % (2021) und 4,0 % (2023). Auch das ist eine US-Rechnung, aber sie zeigt: Selbst wer an die amerikanischen Märkte glaubt, landet heute knapp unter 4 %.

Was die Steuer von deiner Entnahme übrig lässt

Alle Raten oben sind Bruttozahlen. Was bei dir ankommt, hängt davon ab, woraus die Entnahme besteht. Ich rechne mit einem Depot mit 60 % Aktien und 40 % Anleihen: 240.000 € in einem thesaurierenden Aktien-ETF, in den du 120.000 € eingezahlt hast, und 160.000 € in Anleihen oder einem ausschüttenden Anleihen-ETF. Für die Anleihen nehme ich 3 % Zinsen an; zum Vergleich: Der Basiszins, die Rendite 15-jähriger Bundeswertpapiere, lag Anfang 2026 bei 3,20 %.

Die Regeln: Auf Zinsen und Gewinne zahlst du Abgeltungsteuer, mit Solidaritätszuschlag 26,375 %, mit Kirchensteuer etwas mehr. Beim Aktien-ETF bleiben durch die Teilfreistellung 30 % des Gewinns steuerfrei, bei Anleihen gibt es keine Teilfreistellung. Der Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € (Ehepaare: 2.000 €) bleibt frei. Die Grundlagen stehen im Ratgeber zu Steuern auf Kapitalerträge.

Die Rechnung für 3,5 % im ersten Jahr:

SchrittBetrag
Entnahme (3,5 % von 400.000 €)14.000 €
davon Zinsen der Anleihen (voll steuerpflichtig)4.800 €
davon Verkauf von ETF-Anteilen9.200 €
Gewinn im Verkauf (50 %), nach Teilfreistellung3.220 €
steuerpflichtig nach Sparer-Pauschbetrag7.020 €
Steuer (26,375 %)1.852 €
Netto im Jahr12.148 €
Netto im Monat1.012 €

Im Vergleich der drei Raten, gleiche Annahmen, noch ohne Vorabpauschale (die kommt in Jahren mit steigenden Kursen dazu, siehe unten):

EntnahmerateBrutto/MonatNetto/Monat
3,0 %1.000 €861 €
3,5 %1.167 €1.012 €
4,0 %1.333 €1.164 €

Besteht dein ETF zu 70 % aus Gewinn, bleiben bei 3,5 % noch 984 € im Monat, bei nur 30 % Gewinnanteil 1.041 €. Als Ehepaar mit 2.000 € Pauschbetrag sind es jeweils rund 22 € mehr. Den Aktienteil kannst du mit unserem Steuerrechner nachstellen: Stell als Gewinn 4.600 € ein, wähle den Aktien-ETF, keinen Freistellungsauftrag (den Pauschbetrag haben in diesem Beispiel schon die Zinsen verbraucht) und keine Kirchensteuer. Heraus kommen 849 €; die übrigen 1.002 € sind die Steuer auf 3.800 € Zinsen.

Kapitalertragssteuer-Rechner

Berechne, was nach Steuern von deinem Gewinn übrig bleibt.

Gewinn / Ertrag5.000 €
4.341 € netto
659 € Steuer
Teilfreistellung (30%)−1.500 €
Sparerpauschbetrag−1.000 €
Steuerpflichtiger Betrag2.500 €
Effektiver Steuersatz13,2 %
Dein Netto4.341 €

Drei Dinge verschieben das Ergebnis noch:

Die Vorabpauschale. Sie trifft dich derzeit spürbar. Bei einem Fonds, der weniger ausschüttet als den sogenannten Basisertrag, wird die Differenz vorab besteuert, auch wenn du nichts verkaufst, und zwar voll in jedem Jahr, in dem der Fonds mindestens um diesen Betrag steigt; steigt er weniger, entsprechend weniger, fällt er, gar nichts. Für den thesaurierenden Aktien-ETF heißt das 2026: Basiszins 3,20 % mal 0,7, also 2,24 % seines Werts vom Jahresanfang. Im Beispiel sind das nach der Entnahme 230.800 € mal 2,24 %, rund 5.170 €, nach Teilfreistellung 3.619 €. In einem solchen Jahr werden dann 2.806 € Steuer fällig statt 1.852 €, und netto bleiben rund 933 € im Monat. Bei 4 % sind es rund 1.085 €. Verloren ist das Geld nicht: Beim späteren Verkauf der Anteile zieht die Bank die schon versteuerten Vorabpauschalen vom Gewinn ab. Für Anteile, die du nicht mehr selbst verkaufst, bekommst du es aber nicht zurück.

Die Reihenfolge der Verkäufe. Die Bank verkauft nach dem FIFO-Prinzip immer zuerst deine ältesten Anteile. Die sind meist am billigsten gekauft, der Gewinnanteil der ersten Verkäufe liegt deshalb oft über dem Durchschnitt. Und mit jedem Jahr, in dem der ETF wächst, steigt der Gewinnanteil weiter. Meine Tabelle rechnet vereinfacht mit einem festen Durchschnitt von 50 %.

Die Günstigerprüfung. Ist deine gesetzliche Rente klein, kann es günstiger sein, die Kapitalerträge in der Steuererklärung mit deinem normalen Einkommensteuertarif statt mit 25 % besteuern zu lassen. Das Finanzamt prüft auf Antrag, ob die tarifliche Steuer darauf niedriger ist, und nimmt dann diese. Bleibt dein gesamtes zu versteuerndes Einkommen unter dem Grundfreibetrag (2026: 12.348 €), fällt gar keine Einkommensteuer an; mit einer Nichtveranlagungs-Bescheinigung behält die Bank dann schon nichts ein.

Umgekehrt gerechnet: Wie viel Depot brauchst du für 1.000 € netto im Monat, mit denselben Annahmen und ohne Vorabpauschale?

EntnahmerateNötiges Depot
4,0 %343.000 €
3,5 %395.000 €
3,0 %466.000 €

Der Schritt von 4 auf 3,5 % kostet dich also rund 52.000 € mehr Startkapital oder rund 150 € netto im Monat weniger. Wie groß dein Depot bis zum Ruhestand werden kann, rechnest du im Zinseszinsrechner durch, und wie der Weg dorthin mit ETFs aussieht, steht im Ratgeber zur Altersvorsorge mit ETFs.

Noch ein Punkt, der die historischen Quoten betrifft: Sie sind vor Steuern gerechnet. Wer die Steuer auf die Anleihezinsen aus dem Depot bezahlt statt aus der Entnahme, dem schmilzt das Depot schneller, besonders in Hochzinsphasen wie den 1970ern, als die Steuer auf hohe nominale Zinsen einen großen Teil der realen Rendite fraß. Ich habe das grob nachgestellt, mit heutigen 26,375 % auf die Anleihezinsen, ohne Pauschbetrag und ohne Steuer auf Dividenden: Dann scheitert 4 % auch in Deutschland in 2 von 42 Zeiträumen, europaweit in 30,0 %, und 3,5 % europaweit in 16,3 %.

Meine Einschätzung

Die These, die dieser Artikel prüft, lautet: 4 % sind für europäische Anleger zu aggressiv, 3 bis 3,5 % halten robuster. Die Zahlen stützen das für Europa insgesamt, für deutsche Anleger nur eingeschränkt. Für einen deutschen Anleger mit 60 % weltweiten Aktien und 40 % Bundesanleihen hätten 4 % vor Steuern in der Nachkriegszeit immer gereicht, beim Startjahr 1969 aber mit nur rund 30 % des Startvermögens am Ende. In den übrigen europäischen Ländern ist dieselbe Strategie in rund jedem fünften Zeitraum gescheitert.

Ehrlich gesagt ist meine Empfehlung eine Vorsichtsannahme, keine Zahl, die für dich als deutschen Anleger direkt aus den Daten folgt. Ein großer Teil der europäischen Fehlschläge stammt aus Spanien und Portugal mit ihren Anleihen der Inflationsjahre; lasse ich beide Länder weg, scheitert 4 % noch in 14,9 % der Zeiträume, 3,5 % nur in 2,6 %. Ich plane trotzdem nicht mit der besten Erfahrung, die ein Land je hatte, sondern mit einem Puffer für eine Zukunft, die niemand kennt.

So würde ich es machen:

  • Rente mit 65 bis 67, 30 Jahre Horizont: 3,5 % des Startvermögens, danach jährlich um die Inflation erhöhen.
  • Früher Ruhestand, 40 Jahre Horizont: eher 3 %. Morningstar landet für 40 Jahre bei 3,3 %, in meiner Europa-Rechnung scheitert 3,5 % über 40 Jahre in 21,4 % der Fälle, 3 % in 7,9 %.
  • 4 % nur mit Plan B: Wer bereit ist, nach einem schlechten Börsenjahr auf die Inflationsanpassung zu verzichten oder die Entnahme zu kürzen, kann höher starten. Wer darauf angewiesen ist, jeden Monat denselben Betrag zu bekommen, sollte es nicht; für ihn kann es sinnvoll sein, einen Teil des Depots in eine lebenslange Sofortrente zu tauschen, das ist aber ein eigenes Thema.
  • Aktienanteil zwischen 60 und 75 %. Diese Zahl ist eine Abwägung, die Daten geben keine eindeutige Antwort. In meiner Europa-Rechnung wurde es mit mehr Aktien durchgehend sicherer: 4 % scheiterten mit 50 % Aktien in 23,6 % der Fälle, mit 75 % in 13,2 %, mit 100 % in 9,3 %, weil heimische Anleihen in Inflationsphasen real verloren haben. In Deutschland mit seinen soliden Bundesanleihen war es umgekehrt: Die sichere Rate lag bei 50 % Aktien bei 4,38 %, bei 60 % bei 4,27 %, mit 100 % Aktien nur bei 3,70 %. Morningstar sieht mit Prognosen für US-Anleihen 30 bis 50 % Aktien vorn. Ich halte 60 bis 75 % für den vernünftigen Mittelweg, auch weil ein reines Aktiendepot im Crash den Nerv kostet, den ein Entnahmeplan braucht.

Dazu kommt die Steuer. Sie macht einen Entnahmeplan nicht weniger haltbar, solange du sie aus der Entnahme bezahlst, aber sie senkt dein Einkommen: Von 3,5 % bleiben in meinem Beispiel netto etwa 3,0 % des Startvermögens. In Hochzinsphasen fällt dieser Rest deutlich kleiner aus, weil dann die Steuer auf hohe nominale Zinsen einen größeren Teil der Entnahme kostet; dein Netto schwankt also real, auch wenn das Brutto konstant ist. Wer ein bestimmtes Netto braucht, braucht also ein größeres Depot, nicht eine höhere Rate. Und wer netto jedes Jahr gleich viel will, muss brutto mit steigendem Gewinnanteil mehr entnehmen, als die historischen Quoten unterstellen.

Vorsicht hat übrigens auch einen Preis. Im mittleren deutschen Fall hattest du mit 3,5 % nach 30 Jahren noch knapp das Doppelte deines Startvermögens übrig, real. Eine starre Regel, die den schlechtesten Fall überleben soll, lässt in den meisten anderen Fällen viel Geld liegen. Das ist der Grund, warum ich eine flexible Entnahme für klüger halte als jede starre Prozentzahl: Starte vorsichtig, schau alle paar Jahre auf das Depot und erhöhe die Entnahme, wenn es gut läuft.

Häufige Fragen zum Entnahmeplan

Nein. Die Rate gilt nur im ersten Jahr und bezieht sich auf dein Startvermögen. Danach entnimmst du denselben Betrag plus Inflation, egal wie das Depot steht. Wer jedes Jahr einen festen Prozentsatz vom aktuellen Wert nimmt, kann nie pleitegehen, hat dafür aber ein Einkommen, das mit der Börse schwankt.

Sicher ist keine Rate. In meiner Rechnung für 13 europäische Länder reichten 3,5 % über 30 Jahre vor Steuern in 92,1 % der Zeiträume, für einen deutschen Anleger mit 60 % weltweiten Aktien und 40 % Bundesanleihen in allen. Die Zukunft kann schlechter verlaufen als jeder Zeitraum seit 1950.

Wenn du als Rentner in der Krankenversicherung der Rentner pflichtversichert bist, nicht: Dort zählen Kapitalerträge nicht zu den beitragspflichtigen Einnahmen. Bist du freiwillig gesetzlich versichert, werden auch Kapitalerträge wie Zinsen und die Gewinne aus ETF-Verkäufen für Kranken- und Pflegeversicherung verbeitragt, bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Das kann die Nettorechnung spürbar verschlechtern.

In einem Jahr, in dem der Fonds mindestens um den Basisertrag steigt, zahlst du beim aktuellen Basiszins bei beiden Steuer mindestens auf diesen Basisertrag: beim thesaurierenden ETF über die Vorabpauschale, beim ausschüttenden über die Ausschüttung und, wenn die kleiner ist, eine Vorabpauschale auf die Differenz. In Jahren mit fallenden Kursen fällt keine Vorabpauschale an. Mit einem ausschüttenden ETF musst du weniger Anteile verkaufen, bekommst aber Ausschüttungen, deren Höhe du nicht steuern kannst. Ich würde das nach Bequemlichkeit entscheiden, nicht nach Rendite.

Quellen

  • William P. Bengen: „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data“, Journal of Financial Planning, Oktober 1994
  • Philip L. Cooley, Carl M. Hubbard, Daniel T. Walz: „Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable“, AAII Journal, Februar 1998 (Trinity-Studie), Tabelle 3
  • James J. Choi: „Popular Personal Financial Advice versus the Professors“, Journal of Economic Perspectives 36(4), 2022
  • Wade D. Pfau: „An International Perspective on Safe Withdrawal Rates: The Demise of the 4 Percent Rule?“, Journal of Financial Planning, Dezember 2010
  • Aizhan Anarkulova, Scott Cederburg, Michael S. O'Doherty, Richard W. Sias: „The Safe Withdrawal Rate: Evidence from a Broad Sample of Developed Markets“, Journal of Pension Economics and Finance 24(3), 2025; Arbeitspapier SSRN 4227132, 2022
  • Òscar Jordà, Moritz Schularick, Alan M. Taylor: JST Macrohistory Database, Release 6, abgerufen am 28.09.2026; Jordà et al.: „The Rate of Return on Everything, 1870–2015“, Quarterly Journal of Economics, 2019
  • Morningstar (Amy C. Arnott, Christine Benz u. a.): The State of Retirement Income: 2025
  • MSCI: MSCI World Index Factsheet, August 2026
  • Bundesfinanzministerium: Basiszins zur Berechnung der Vorabpauschale zum 2. Januar 2026, BMF-Schreiben vom 13.01.2026
  • Gesetze, Stand 2026: §§ 18, 19 und 20 InvStG (Vorabpauschale, Anrechnung beim Verkauf, Teilfreistellung); § 20 Abs. 4 und 9, § 32a, § 32d, § 44a EStG (FIFO, Sparer-Pauschbetrag, Grundfreibetrag, Abgeltungsteuer und Günstigerprüfung, Nichtveranlagungs-Bescheinigung); § 4 SolZG; §§ 237, 240 SGB V (Beiträge in der Krankenversicherung der Rentner und für freiwillig Versicherte); § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG (Zinsen)

Hinweis: Dieser Artikel ist meine persönliche, nach bestem Wissen durchgerechnete Einschätzung, keine Anlage- oder Steuerberatung. Alle historischen Zahlen sind Rückrechnungen ohne Steuern; die Steuerbeispiele gelten für Alleinstehende ohne Kirchensteuer, Stand 2026.